#39: Metabolom als Bindeglied zwischen Darm & Immunsystem & Entzündung
Meta-ä-bo-hä? Schon wieder ein neues Wort. Dabei ist es ganz simpel: Im Darm leben Bakterien, die als lebende Organismen natürlich Stoffe produzieren. Und genau die übernehmen das Immun-Finetuning..
Lieber Leser
ich bin so stolz, denn mein 1. Beitrag in der Fachzeitschrift “Ernährung & Medizin” im Thieme-Verlag ist zum Thema Metabolom erschienen.
Ich darf ihn auf meiner privaten Homepage veröffentlichen. Et voila:
Und weil das wirklich super kompliziert geschrieben ist, hier meine Laien-verständlichere Version alias Kurzzusammenfassung im gewohnt frechen Stil :-)
Na, wolltest du auch ein Probiotikum ohne Histaminbildner…?
Wenn man den sozialen Medien glaubt, scheint eins der wichtigsten Qualitätskriterien für ein Probiotikum ja irgendwie das zu sein, ob es Histamin bildet oder nicht. Stimmt’s? Histaminbildende Bakterien gelten als out, histaminfreie Stämme als Mittel der Wahl.
Tja… So einfach ist es (leider?) nicht. Siehe weiter unten…
Oder nehmen wir Akkermansia muciniphila, der gerade ebenfalls in aller Munde ist und Marketing-technisch ausgeschlachtet und vermarktet wird. Der soll suuuuuuuper sein und muss ausreichend vorhanden sein, damit der Darmschleim (“Mucus”) gebildet wird. Kritisch wird es allerdings dann, wenn wir beispielsweise zu wenig Ballaststoffe essen oder die Becherzellen aus anderen Gründen Probleme haben, eine adäquate Menge Mucus zu produzieren. Ja, zu viel Akkermansia kann auch kontraproduktiv sein. Erst Dienstag habe ich darüber mit einer hochkarätigen Wissenschaftlerin diskutiert, die zum Thema neurodegenerative Erkrankungen & Darmmikrobiom forscht.
Uargh.
Jap, vergesst die Namen wie Akkermansia direkt wieder, aber merkt euch eins:
Je intensiver ich mich in den letzten Monaten mit der wissenschaftlichen Literatur beschäftigt habe, desto komplexer wird es und desto mehr habe ich das Gefühl, dass wir über die völlig falschen oberflächlichen Dinge diskutieren. Wir sprechen über einzelne Bakterienstämme, dabei vergessen wir das große Ganze und tausend andere Details.
Esst einfach genug Ballaststoffe. Habt ihr Durchfall? Das muss aufhören! Ihr braucht eine adäquate Stuhlfrequenz. Esst abwechslungsreich, wenig verarbeitete Lebensmittel; denkt an regelmäßige Essenszeiten (zirkadianer Rhythmus!), Alkohol nur in geringen Mengen und je seltener, desto besser, meidet Glyphosat, Pestizide und Co und achtet auf Schlaf, Entspannung und Co. Eigentlich ganz simpel, oder? ;-)
Doch der Reihe nach:
Bakterien tun vor allem eines: Sie verstoffwechseln unser Essen mit allem, was dazu gehört. Dabei entstehen unzählige verschiedener Moleküle (=Metaboliten) und genau diese scheinen das Bindeglied zwischen Darm & Immunsystem und damit auch Entzündung zu sein. Diese Stoffwechselprodukte übernehmen also das Feintuning des Immunsystems!
Das Faszinierende daran ist, dass dieselbe Bakterienart unter unterschiedlichen Bedingungen vollkommen verschiedene Stoffwechselprodukte in unterschiedlicher Menge bilden kann. Gehst du einmal am Tag auf Toilette oder 3x oder nur alle 3 Tage? Das verändert die Metabolite komplett. Welche Pestizide kommen vor? Sind genug Eiweiß bzw. andere Nährstoffe vorhanden und wie ist der pH? Ernährung, Medikamente, Umweltfaktoren oder sogar die Transitzeit im Darm beeinflussen diese Prozesse. Entscheidend ist also nicht nur, wer im Darm lebt, sondern auch, was dort produziert wird.
Ein gutes Beispiel ist Histamin. Histamin gilt ja gemeinhin als schlecht. Doch Histamin wirkt nicht über einen einzigen Rezeptor, sondern über vier verschiedene. Je nachdem, welcher Rezeptor aktiviert wird, können völlig unterschiedliche – teilweise sogar gegensätzliche – Effekte auf das Immunsystem entstehen. Es gibt sogar Bakterien wie Lactobacillus reuteri, die zwar Histamin bilden, gleichzeitig aber gezielt einen bestimmten Signalweg hemmen, sodass unterm Strich die positiven Effekte zu überwiegen scheinen. Dass ein Bakterium Histamin produziert, sagt also herzich wenig über die immunologische Wirkung aus.
Kompliziert, oder? Und ja, es wird noch komplizierter. Denn es gibt noch weitere Faktoren, wie beispielsweise. Hast du dein Essen gebräunt? Dann hast du nämlich AGEs produziert, die ebenfalls per se zu einer Barrierestörung und Entzündung führen können. Je besser dein Darm aufgestellt ist, desto weniger ins Gewicht fallen “Sünden” in der Ernährung. Je schlechter dein Darm aufgestellt ist, desto mehr rutscht man in eine immunologische Schieflage mit unterschwelliger Entzündung und allem drum und dran.
Und das war die spannendste Erkenntnis für mich selbst, als ich für den Artikel recherchiert habe: Eine solide Basis ist das A und O. Denn es ist alles noch viel komplexer als ich ursprünglich dachte. Doch es fängt tatsächlich alles mit dem Darm an.
Die Apothekerin deines Vertrauens
Carolin
P.S. Und für alle, die es genauer wissen wollen. Viel Spaß bei der Fachlektüre :-)

